Plutokratie ist keine Lösung!

Hartnäckig hält sich das Gerücht, in Mitteleuropa lebe man in einer Demokratie. Und wenn Demokratie damit gleichgesetzt wird, daß man alle Jubeljahre sein Kreuzchen machen darf, dann stimmt das wohl. Dabei wird zunehmend deutlich, daß Kreuze machen und Parlamentsdebatten einen sehr engen Wirkungsradius haben. Wer wirklich etwas ausrichten will, sollte sich einer ganz anderen Macht zuwenden: Der Macht des Geldes.

"Geld? Kommt aus dem Automaten! Kommt monatlich auf's Konto. Kauf' ich meine Brötchen mit, zahle meine Miete, spar' ich für die Rente und versuche möglichst viel davon anzusammeln." Bei 4 Billionen Euro Geldvermögen und 82 Millionen Menschen besitzt im Schnitt jeder Deutsche ca. 50.000 Euro. Geldvermögen! Ländereien, Immobilien, Maschinen, Autos, Möbel und Co. sind da noch nicht mitgerechnet. 50.000 Euro pro Kopf, vom Säugling bis zum Greis. Nur dumm, daß den meisten von uns ein paar Euronen bis zu dieser Summe fehlen. Damit das mit dem Durchschnitt trotzdem klappt, ist jeder Euro, der uns zu dieser Summe fehlt, im Besitz von jemand anderem.

"Das reichste Zehntel der Bevölkerung besitzt fast zwei Drittel des gesamten Vermögens, dagegen verfügen mehr als zwei Drittel der Bevölkerung nur über einen Anteil am Gesamtvermögen von weniger als zehn Prozent." (Vermögensverteilung 2007)

Na und? Jeder kriegt das, was er verdient. Nur ist da ein Problem für die Demokratie: Geld bedeutet Macht!

Eigentlich soll in einer Demokratie ja das Volk die Macht ausüben. Jeder Mensch eine Stimme. Nunja, schon für Minderjährige gilt das nicht, aber noch viel weniger bleibt dem Volk von seiner Macht, wenn ihm die Macht des Geldes gegenübertritt. Wer Geld besitzt kann mit diesem Geld bestimmen, was andere Menschen tun. Wofür andere Menschen ihr Wissen und ihre Lebenszeit einsetzen. Wofür andere Menschen ihre Energie verwenden. Wer etwas kauft signalisiert mit diesem Kauf: Dieses Produkt will ich haben. Und dieses Signal sorgt dafür, daß ganze Industrien sich an dem Wunsch des Geldbesitzers ausrichten. Immer wenn Geld fließt, bestärkt das den Verkäufer, daß sein Tun das Richtige ist - denn er verdient sein Geld damit. Egal ob der Verkäufer Landmaschinen oder Landminen herstellt, egal ob Feuerlöscher oder Feuerwaffen, egal ob BWLer gekauft werden oder Soziologen: In jedem Fall bestimmt der Geldbesitzer durch seine Geldausgabe was in der Gesellschaft passiert.

Tagtäglich wird mit Geld Politik gemacht. Nicht nur, weil täglich Kaffee gekauft wird (fair gehandelt oder unfair?), sondern auch, weil täglich Meinung gemacht und Politiker bezahlt werden. Wem ein großer Berg Schmiermittel zur Verfügung steht, für den ist es ein Leichtes, die gewünschten Berichte in die Zeitung zu bringen, den Politikern die "richtigen Berater" zum Gespräch zu schicken oder eine Hundertschaft rhetorisch begabter Wissenschaftler dafür zu bezahlen, die "richtigen" Konzepte für unsere Gesellschaft zu entwickeln. Geld kauft sich jene Entwicklungen, die sein Besitzer für richtig hält und es umgeht dabei galant jene Institutionen und Bräuche, die wir "demokratisch" nennen.

Etwa 400 Milliardäre auf diesem Planeten besitzen soviel, wie 50% der Weltbevölkerung zusammen. Wenn Arm und Reich aufeinandertreffen, wird Geld nochmal soviel wert: Denn was für den einen Peanuts sind ist für den anderen schon ein kleines Vermögen, für das er alles tut. Es ist nicht verwunderlich, wenn das Vertrauen in die Demokratie sinkt, denn die Plutokratie ist weitaus mächtiger. "Plutos" ist griechisch für "Reichtum" und RTL & Co. haben für die Gruppe der Superreichen sogar eigene Fernsehsendungen, die uns zeigen, wie armselig wir doch leben und wovon wir träumen dürfen. Den dort zur Schau getragenen Luxus erarbeiten die Reichen nie wirklich selbst, sie lassen arbeiten. Allein ihr Schmiermittel versetzt sie in die Lage, die Lebens- und Arbeitszeit von vielen tausenden Menschen zu kaufen, die ihnen das Leben annehmlich machen. Die Gegenleistung? Keine. Ihr Besitz, der sich quasi "von selbst vermehrt", ist die Quelle ihres Lebensstils, der fehlende Besitz auf Seiten der Arbeitenden wirkt als Machtmittel, mit dem sie ihre Welt gestalten können, wie es ihnen gefällt. Demokratie, die Herrschaft des Volkes? - da stehen sie drüber!

Geld bedeutet Macht. Wohin Geld geleitet wird, wächst und gedeiht etwas. Fließt es in die Rüstung, gedeihen Waffen, fließt es in die Bildung, gedeiht Wissen. Wohin es fließt, bestimmt sein Besitzer. Doch auch und vor allem das Nicht-Ausgeben von Geld bedeutet Macht! Die Bankenkrise 2007/2008 zeigt dies: Geld ist genug da, aber grade dadurch, daß es nicht verliehen wird, bringt es Banken in Schwierigkeiten, weil sie kurzfristige Geldabflüsse nicht durch Kredite anderer Banken überbrücken können. Geht eine Bank oder ein Unternehmen deshalb pleite, ist dies der beste Moment, um es billig aufzukaufen und damit den Einflußbereich des glücklichen Geldbesitzers zu vergrößern. Geld zurückzuhalten kann mehr Macht bedeuten, als Geld auszugeben! Aber Verlierer in dem Spiel sind immer jene, die kein Geld haben. Und die Demokratie.

Demokratie beim Geld - das wär' doch was! Eine Wahl zu haben, nicht nur am Wahltag zwischen Parteien und Politikern, sondern am Zahltag zwischen dem einen Geld und dem anderen, zu wählen, ob man die Reichen reicher machen will oder doch auf ein gerechteres Zahlungsmittel zurückgreifen will - das wär' doch was! Mitzubestimmen daräber, ob die Währung Euro heißt, oder DeMark, ob sie in ganz Globalistan gilt oder "nur" vor der eigenen Haustür. Ob sie von privaten Bankiers herausgegeben wird (wie dies manchmal der US-Zentralbank FED nachgesagt wird) oder von demokratischen Organisationen, das wäre schon bedeutsam! Es ist nicht unwichtig, ob derjenige mehr zu sagen hat, der am meisten Kohle mitbringt oder ob das Prinzip "Ein Mensch - eine Stimme" auch in der Wirtschaft gilt! Denn wichtig ist:
Was passiert mit der Demokratie, wenn sich soviel Geld in so wenigen Händen angesammelt hat, daß diese wenigen Hände bestimmen können, wer noch Kredit bekommt und wer nicht und die gesamte Gesellschaft in Abhängigkeit von wenigen gerät?

Die Herrschaft des Geldes neigt dazu, sich selbst zu stabilisieren. Denn das heutige (Monopol-)Geld fließt dahin, wo sich schon viel Geld befindet. Dieses Geld neigt dazu, die Macht der Mächtigen zu vergrößern und unterhöhlt die mühsam errichtete Demokratie. Es füttert uns mit Mini-Jobs, hypnotisiert uns mit Spekulationsblasen, zerstreut uns mit RTL-Bagatellen und arbeitet an uns vorbei an einer Umgestaltung der Gesellschaft in seinem Sinne. Die Demokratie zu erhalten ist nur möglich, indem auch die Macht des Geldes demokratisiert wird.

Erst wenn das letzte Land verscherbelt,
das letzte Krankenhaus privatisiert,
die letzte Fabrik verlagert,
der letzte Bäcker übernommen und
das letzte Auenland betoniert wurde
werdet ihr feststellen,
daß man Aktienkurse nicht essen kann.


24.03.2008 - ylt