Warum die Demontage des Sozialstaats nur logisch ist.

Alle regen sich auf: Der böse Schröder, der macht uns mit seiner Agenda 2010 den ganzen schönen Sozialstaat kaputt. Natürlich macht er das. Aber das liegt nicht an Schröder, der kann nämlich nicht anders. Nur ist es für Politiker schwer, einzusehen, daß ihr Tun gar nicht ihrem eigenen Willen unterliegt. Und noch schwerer ist es zuzugeben, daß sich von denen kaum jemand Gedanken darum macht, warum der Sozialstaat nicht mehr finanzierbar sein soll. Denn das hieße ja zuzugeben, daß man von Wirtschaft keine Ahnung hat. Und das zehrt am Selbstbewußtsein. Dabei ist das alles nur ein bißchen Mathematik…

Am Anfang war das Wirtschaftswunder. Die deutsche Wirtschaft wuchs und wuchs und zwar so schnell, daß jedermann auf den Gedanken kam, dieses Wachstum wird nie enden. Falsch gedacht. Denn schaut man sich die Wachstumsraten an, die die deutsche Wirtschaft fabriziert, so werden die immer kleiner. Das heißt nicht, daß die Deutschen weniger produzieren. Nein! Sie produzieren nur nicht mehr soviel mehr. Klingt verwirrend? Deshalb haben sich die deutschen Politiker ja auch darauf geeinigt, alles für neues Wachstum zu machen - denn sie verstehen die Welt ja selbst nicht mehr.

Früher wuchs die Wirtschaft schonmal mit 10% oder so, das heißt die Leute produzierten nicht mehr das gleiche wie im Vorjahr, sondern eben 10% mehr. Nett. Einen Luftballon mit einem Liter Luft zu füllen ist nicht schwer. Da 10% draufzulegen sind grade mal 0,1 Liter mehr. Das ist kein Problem. Bläst man aber ein Weilchen und kommt irgendwann bei 10 Litern an, so muß man plötzlich schon einen ganzen Liter zusätzlich reinpusten, um wieder 10% Wachstum zu erzielen. Bei 100 Litern Luftballonfüllung sind 10% plötzlich 10 Liter. Kein Wunder, daß einem da langsam die Puste ausgeht.

Genaus ist das mit der Wirtschaft. So lange eine Wirtschaft am Boden ist, kann sie vergleichsweise große Sprünge machen. Aber irgendwann geht ihr die Luft aus. Die Leuten wollen nicht mehr soviel kaufen, denn sie haben schon alles; die Produktion wird immer effizienter, weil man so fleißig ist, also werden Leute arbeitslos und die können - logischerweise - nicht mehr soviel einkaufen. Da stellt sich die Wirtschaft ihr eigenes Bein und was rauskommt ist: Weniger Wachstum als früher.

Das alles wär ja grundsätzlich kein Problem, denn: Kein Wachstum heißt, immer "nur" das gleiche zu produzieren wir im Jahr zuvor. Und wenn ich letztes Jahr satt geworden bin, werde ich es auch dieses Jahr, wenn ich das gleiche zur Verfügung habe - das trifft auf Einzelpersonen genauso zu wie auf Gruppen von Personen, also die Wirtschaft. Es sei denn, irgendwer in der Gruppe zweigt immer mehr ab, als im Vorjahr. Dann muß für die anderen natürlich weniger bleiben. Aber in unser "Sozialen Marktwirtschaft" passiert doch sowas nicht, weil wir doch alle so furchtbar sozial sind… Denken wir lieber nochmal drüber nach…

Helmut Creutz hat im Deutschlandfunk folgenden Vergleich gezogen: Man stelle sich vor, ein Mensch wächst, bis er ausgewachsen ist. Aber irgendwas in ihm, zum Beispiel die Lunge, hört nicht auf zu wachsen, sondern wächst immer weiter, immer weiter. Was passiert? Er wird nicht lange leben. Genau dieses Problem hat unsere Wirtschaft auch, nur ist das bis zu Onkel Schröder noch nicht durchgedrungen. Das kann man ihm aber kaum zum Vorwurf machen, denn den wenigsten Leuten ist dieses Problem bislang bewußt geworden. Aber wozu gibts eMail, da kann man dem Herrn Schröder ja mal eine e-mail schicken.

Die deutsche Wirtschaft ist im Jahr 3 nach der vielgefeierten Jahrtausendwende nicht mehr wachstumsfähig. Aus, vorbei, wenn wir Glück haben, wächst das Häuflein Elend nicht mehr, wenn wir Pech haben, schrumpft sie sogar. Bei mehreren Millionen Arbeitslosen eigentlich kein Wunder, aber anstatt die Gründe für diese Pleite zu suchen, machen wir den Faulenzern lieber Feuer unterm Hintern. Hocken sie doch schließlich nur den ganzen Tag rum, anstatt die vielen, vielen, vielen Arbeitsplätze zu besetzen, die überall auf der Straße rumlungern. Und so lange unser Arsch im eigenen Arbeitsplatz noch halbwegs fest hängt, brauchen wir uns um die armen Schweine keine Gedanken zu machen. Die Politiker und die Experten, die werden mit Hilfe der Lobbyisten das Schiffchen schon wieder auf Kurs bringen.

Werden sie nicht! Die Mathematik hat was dagegen! Die Mathematik sorgt dafür, daß die Lunge des Patienten Wirtschaft immer weiter wächst, obwohl der Patient schon nah am Koma das mit dem Wachsen einfach nicht mehr hinkriegt. Also: Lungen-Operation. Doch halt! Bevor wir wie die Lobbyisten nach dem Motto "alles was stört fliegt raus" eine Total-Narkose machen, sollten wir uns vielleicht erstmal anschauen, woher Patient Wirtschaft sein Krebsgeschwür hat und was da so immer weiter wächst. Es ist: Geld! Ja! Geld wächst! Noch nie gesehen? Jede Bank wirbt doch mit "Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten, es wächst von ganz alleine". Jawohl! Geld wächst. Die Bankexperten müssen es doch wissen. Wer, wenn nicht die?

Wie wächst eigentlich Geld? Durch Zins. Jedes Kind weiß das. Wird es von der Schule bis in die feuchten "Ich wär so gerne Millionär"-Träume durchexerziert bis zum geht-nicht-mehr. Der Zins sorgt dafür, daß Geld immer mehr wird. Und hey, Geld wächst genauso, wie unsere Wirtschaft! 100 Euro zu 10% angelegt bringen 10 Euro Zinsen. 110 Euro für 10% angelegt bringen 11 Euro Zinsen. 121 Euro für 10% angelegt bringen 12,10 Euro Zinsen. Und so weiter und so fort. Zinseszinseffekt nennt man, was dazu führt, daß wenn man heute einen Cent zu 5% angelegt, in 2000 Jahren mehrere Milliarden Goldkugeln vom Gewicht der Erde abholen kann. Ja!! Mehrere Milliarden Erdkugeln aus Gold warten auf jeden, der heute einen Cent zu 5% anlegt und ihn von seinen Nachfahren in 2000 Jahren wieder abholen läßt. Das klingt unglaublich, ist aber mathematisch korrekt. Und grafisch anschauen kann man sich das nochmal hier.

Na hoppala, da haben wir ja nicht nur das Krebsgeschwür im Körper unseres Wirtschaftspatienten ausgemacht, sondern auch noch das, was das Krebsgeschwür immer weiter wuchern läßt. Nun, gegen Zins ist kein Kraut gewachsen. Den gabs schon immer, den wirds auch immer geben - so könnte der Kommentar eines Fantasielosen, der sich in sein Schicksal ergibt, aussehen. Sein Schicksal ist, irgendwoher mehrere Milliarden Goldkugeln in Erdgröße herzukriegen, denn irgendjemand wird sich finden, der einen Cent zu 5% anlegt. Oder sein Schicksal (und das seiner Kinder und Kindeskinder) ist, immer mal wieder Wirtschaftszusammenbrüche mitzumachen, denn ganz offensichtlich geht das mit dem Milliarden Goldkugeln nicht.

Wirtschaftszusammenbrüche? Klingelt da irgendwas? Hey, ist es nicht genau das Problem, was wir grade haben? Aber was haben Goldkugeln mit Wirtschaftszusammenbrüchen zu tun? Das ist eigentlich ganz einfach: Geld vermehrt sich nämlich gar nicht von alleine. Das, was die Banken da erzählen ist Blödsinn. Geld vermehrt sich nur, wenn jemand anders dieses Geld als Schulden aufnimmt und dafür Zinsen zahlt. Wenn einer also 1000 Euro übrig hat und dafür Zinsen will, muß ein anderer die 1000 Euro aufnehmen und dafür Zinsen zahlen (ist Ihnen eigentlich schonmal die viele Finanz-Anlagen-Werbung in letzter Zeit aufgefallen?). Und wenn man auf der Bank 5% Zinsen kriegt, so will man auch für alle anderen Investitionen mindestens 5% Zinsen haben. Jeder wäre doof, wenn er sein Geld in Haribo-Aktien stecken würde, wenn er dort nur 4% bekommt! Denn dann wäre er besser dran, er würde es zur Bank bringen und dort 5% kassieren. Der Zinssatz gibt also vor, mit wieviel Rendite alle Investitionen sich verzinsen müssen.

Jetzt haben wir also 2 Möglichkeiten, an Geld zu kommen. Möglichkeit Nummer 1: Arbeit. Ihhgitt. Möglichkeit Nummer 2: Sein Geld arbeiten lassen (wobei wir ja inzwischen wissen, daß nicht das Geld selbst arbeitet, sondern ein anderer, der von seinem erarbeiteten Geld unsere Zinsen bezahlt). Also teilt sich alles, was man so produziert und verkauft auf: In die Einkommen für Arbeit und die Einkommen für Kapital, also Arbeitseinkommen und Kapitaleinkommen. Logisch dürfte sein, daß Arbeitseinkommen und Kapitaleinkommen zusammen das ergeben müssen, was die Wirtschaft produziert. Oder andersrum: Das, was die Wirtschaft produziert wird aufgeteilt auf die, die arbeiten und die, die das Kapital für diese Arbeit zur Verfügung gestellt haben. Und jetzt kommt das, wo Schröder leider noch keine Ahnung von zu haben scheint.

Denn: Die Kapitaleinkommen wachsen immer weiter. Geld fließt dank Zins immer dorthin, wo schon Geld ist. Kapital fließt zu Kapital. Also werden auch die Kapitaleinkommen immer größer. Aber unsere Wirtschaft wächst nicht mehr und wir haben somit immer nur das gleiche zu verteilen. Wenn aber von einem gleich großen Kuchen die einen immer mehr kriegen (nämlich durch die immer weiter wachsenden Kapitaleinkommen), so müssen - logischerweise - die anderen, also die Arbeitseinkommen immer weniger kriegen.

Nun sitzt da nirgendwo jemand rum, der die Wirtschaftsleistung verteilt. Sondern es passiert über millionenfache klitzekleine Vorgänge: hier eine Lohnzahlung, da eine Zinszahlung, hier eine Arbeitslosenhilfe, dort eine Dividende. Die wenigsten sehen, was im Großen Ganzen passiert, weil jeder nur die vergleichsweise klitzekleinen Zahlungen um sich herum betrachtet und dann denkt, so schlimm kann es schon nicht sein. Nunja. Onkel Schröder jedenfalls kriegt von den vielen Arbeitnehmern Steuern. Leider zahlen in unserem "Sozialstaat" die Bezieher von Kapitaleinkommen kaum noch Steuern. Also sind Steuern vor allem Teile der Arbeitseinkommen. Und weil der Staat selbst haufenweise Zinsen zahlen muß (das was der Staat an Zinsen zahlt, kriegen andere als Kapitaleinkommen!) muß eben irgendwo gespart werden. Bislang gingen die Steuern vor allem für Soziales drauf. Soziales nutzt jeder von uns, indem er Kinder im Kindergarten oder Schule hat, indem er krank wird, indem er Arbeitslosengeld bekommt oder Wohngeld oder Kindergeld oder Straßen benutzt! Aber das sehen die meisten Leute nicht, sie lassen sich von den "Experten" sagen, daß die Lohnnebenkosten zu hoch sind (aber die meisten denken gar nicht drüber nach, was mit den "Kosten" passiert). Also ziehen wir alle zusammen an einem Strang, damit die Kapitaleinkommen ihren Tribut kriegen.
Im Am-falschen-Strang-ziehen-weil-ein-Experte-es-gesagt-hat sind wir wirklich gut!

Und die Moral von der G'schicht? Durch Zins und Zinseszins werden automatisch diejenigen reicher, die schon viel haben und bezahlen müssen das die ganzen anderen - unter anderem durch den Abbau des Sozialstaats. Und Onkel Schröder kann gar nichts dafür, er sorgt unwissend dafür, daß der Prinz von Zinseszins seinen Tribut erhält. Wenn er es nicht tut, hätte es ein Herr Stoiber getan, zum Schluß kommt es aber auf dasselbe heraus.

Es gibt Leute, die meinen, es gäbe Geld, das frei von Zins sei, sie nennen es deshalb "Freigeld". Lächerliches Pack. Wer will schon Geld ohne Zinsen? LIEBER VERZICHTE ICH AUF DEN SOZIALSTAAT, ALS MIR VON SCHRÖDER UND KONSORTEN MEINE EHRLICHEN 59,20 EURO ZINSEN PRO JAHR AUF MEIN VERMÖGEN VON 2368 EURO WEGNEHMEN ZU LASSEN! Mein Ziel ist wenigstens eine dieser vielen Milliarden Erdkugeln aus Gold…


11.08.2003 - ylt